In Weichtungen gab es mutige und starke Menschen, die selbst im Angesicht des Todes zu Ihren Prinzipien und Ihrem Glauben standen. Dieser Artikel aus der Kirchenzeitung der Diözese Würzburg, dem Sonntagsblatt, beleuchtet das Leben und Sterben des gebürtigen Weichtungers Dr. Lucius Roth:

 

"Wie Schweine eingesperrt"

Benediktinerpater Dr. Lucius Roth nach 17-monatiger Kerkerhaft in Nordkorea brutal hingerichtet

Die Weichtunger Familie Roth, wahrscheinlich bei der Primiz von Pater Lucius (Mitte). Alle fünf Schwestern von Pater Lucius wählten das Ordensleben.

700 Frauen und Männer sind in das Deutschen Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden. Zu ihnen zählen auch Blutzeugen aus dem Bistum Würzburg. Das Sonntagsblatt hat bei Angehörigen dieser neuen Martyrer nachgeforscht und mit Hilfe des Martyrologiums Lebensbilder dieser "Zeugen für Christus" zusammengestellt. Der zweite Teil der Serie beleuchtet das Leben und Sterben des aus Weichtungen bei Bad Kissingen stammenden Benediktinerpaters Dr. Lucius Roth. Er starb in Nordkorea.

Fast 17 Monate verbringt der aus Weichtungen stammende Benediktinerpater Dr. Lucius Roth unter menschenunwürdigen Bedingungen in kommunistischer Kerkerhaft in Nordkorea. Am 3. Oktober 1950 wird er hingerichtet. Pater Lucius Roth stirbt als Zeuge für Christus, als Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft.

"In der Nacht des 9. Mai 1949 hat die nordkoreanische, kommunistische Regierung unsere Abtei Tokwon in Korea beschlagnahmt und die Oberen verhaftet. Zwei Tage darauf wurden sämtliche Patres und die europäischen Brüder und Schwestern in Gefangenschaft nach Pyeng-Yang, der nordkoreanischen Hauptstadt, abgeführt. Ein Teil der Gefangenen wurde im Juni beziehungsweise August des gleichen Jahres in das Sonderlager Tschon-Tschon bei Kange in Nordkorea verlegt. Acht deutsche Mitbrüder und vier einheimische Patres wurden hingegen im Gefängnis Pyeng-Yang zurückgehalten. Sie wurden sogar zu fünf- beziehungsweise siebenjähriger Zuchthausstrafe verurteilt und zwar "wegen schlechter Gesinnung", das heißt wegen ihrer antikommunistischen Einstellung. Diese Nachricht verdanken wir einem Geheimbrief des Pater Lucius Roth aus dem Gefängnis an einen koreanischen Mitbruder. Von diesen acht deutschen Gefangenen starben Seine Excellenz Abtbischof Bonifatius Sauer am 7. Februar 1950 und Pater Dr. Rupert Klingseis am 6. April des gleichen Jahres. Von den übrigen zurückgehaltenen Gefangenen bekamen wir seit Herbst 1949 trotz häufiger Nachforschungen keinerlei Nachricht mehr. So müssen wir mit Gewissheit annehmen, dass sie im Gefängnis den Erschöpfungstod starben oder sonstwie gewaltsam als Zeugen Christi ums Leben kamen." Die große Todesanzeige aus der Erzabtei Sankt Ottilien vom 1. Februar 1957 nennt dann in folgendem auch die Namen der Martyrer: unter ihnen der aus Weichtungen stammende Pater Dr. Lucius Roth, Prior und Generalvikar von Tokwon in Nordkorea, und der in Großwallstadt geborene Bruder Gregor Giegerich.

Pater Lucius (sitzend rechts) mit Abtbischof Bonifatius und Mitbrüdern in Korea.

Fünf Schwestern im Kloster

Konrad Roth, der später den Ordensnamen Lucius annimmt, wird am 19. Februar 1890 als Sohn der Bauersleute Isidor und Katharina Roth, geb. Reiher, in Weichtungen bei Bad Kissingen geboren. Seine Mutter stirbt früh, zweimal wird der Vater noch heiraten. Alle seine fünf Schwestern entscheiden sich für das Klosterleben, ihn selbst bereitet der Ortskaplan Georg Döhling innerhalb 18 Monaten bis in die 4. Gymnasialklasse vor. Dabei empfahl er seinen Schüler im August 1904 ob seines außerodentlichen Fleißes und seiner tiefen Religiosität beim Obern des Priorates St. Ludwig am Main. Er kam sofort auf das private Gymnasium in St. Ottilien. Am Humanistischen Gymnasium in Günzburg absolviert Roth 1909 die "Absolutorialprüfung" und "ist nach den Ergebnissen derselben für befähigt zum Uebertritte an eine Hochschule erklärt worden", wie es im Abschlusszeugnis heißt. Der 19-jährige entschließt sich zum Eintritt in den Benediktinerorden, in die Erzabtei Sankt Ottilien. Der Pfarrer von Wermerichshausen schreibt am 31. August 1909 in Roths Sittenzeugnis: "Der Zögling Konrad Roth, ehelicher Sohn des noch lebenden Bauern Isidor Roth und der schon verstorbenen Katharina Reiher von Weichtungen, hat sich in allen Ferien, die er zu Hause zubrachte, recht musterhaft betragen. Ein Hindernis, das ihm den Eintritt in das Kloster erschweren oder gar unmöglich machen könnte, ist nicht bekannt." Konrad Roth erhält den Ordensnamen Lucius, legt am 16. Oktober 1910 die Ordensprofess ab und studiert Philosophie und Theologie am Benediktinerkolleg Sant' Anselmo in Rom. Dort erwirbt er sich 1914 den theologischen Doktorgrad. Kardinal Basilius Pompilj weiht ihn am 5. Juli 1914 in Sant Apollinare in Rom zum Priester. Seine Primiz feiert Pater Lucius am 12. Juli 1914 in Weichtungen. Sein Primizspruch: "Lobet den Herrn, alle Völker!"

Sekretär bei Nuntius Paccelli

"Noch während des Ersten Weltkrieges oder bald danach dürfte es gewesen sein, dass der Münchener Nuntius Paccelli (der spätere Papst Pius XII.) Erzabt Norbert um zwei Patres als Sekretäre gebeten hat. Erzabt Norbert stellte ihm die Patres Lucius Roth und Pater Athanasius aus St. Ottilien zur Verfügung. Pater Lucius empfahl sich für diesen Dienst in besonderer Weise, da er in Sant' Anselmo in Rom studiert hatte und über wünschenwerte Sprachkenntnisse verfügte. Er gewann zum Nuntius ein gutes Vertrauensverhältnis", schreibt Pater Frumentius Renner in seinen Erinnerungen an Pater Lucius Roth.
Nur kurz ist Pater Lucius' Tätigkeit als Oberer im spanischen Los Cabos im Jahr 1923. Die dortige Klostergründung muss nach kurzer Zeit wieder aufgegeben werden. Ein Jahr später bricht Pater Lucius in ein völlig anderes Land auf, wo er über 20 Jahre wirken wird und schließlich ermordet werden sollte: Korea. Am 7. Oktober 1924, dem Rosenkranzfest, wird er in das asiatische Land ausgesandt.

Der Weichtunger Hermann Roth mit einem Gemälde, das Pater Lucius zeigt, vor dem Elternhaus des Missionars. Die Madonna am Haus ist ein Primizgeschenk für Pater Lucius.

Guter Geist in der Abtei

Pater Lucius wirkt als Pfarrer in Wonsan und wird im August 1930 Prior und Generalvikar in der Abtei Tokwon. Die Japaner haben in diesen Jahren das Land besetzt. Für die Missionstätigkeit der Benediktiner keine ungünstige Vorausetzung. Die Missionsstationen blühen in den 30er Jahren auf. Pater Lucius unterrichtet am Gymnasium, ist Lektor der Theologie am Priesterseminar, weist ankommende europäische Missionare in die koreanischen Sprache ein und übersetzt liturgische Texte in die Landessprache. Eine beeindruckende literarische Tätigkeit von Pater Lucius stellen die von ihm ins Koreanische übersetzten Messbücher, Offizien und Betrachtungsbücher dar. Darüber hinaus gibt er einen Führer durch Kirche und Kloster Tokwon in der Landesprache heraus und verfasst sogar eine Grammatik der koreanischen Spache. Der Chronist der Abtei Tokwon schreibt über dieses Werk: "Am 7. Dezember 1936 gab Pater Prior Lucius ein fast 600 Seiten starkes Buch heraus, mit dem er besonders seinen Mitbrüdern eine Freude machte."

Im Deutschen Martyrologium steht über die Zeit, in der Pater Lucius Prior in Tokwon war: "Es muss im Konvent von Tokwon ein sehr guter Geist geherrscht haben. Auch das Priesterseminar genoss hohes Ansehen im Land und bildete Priester des ganzen Landes aus. Roth war dabei einer der führenden Mönche und setzte sich mit ganzer Kraft an seinem verantwortungsvollen Posten ein."

 

Pater Lucius neben Abtbischof Bonifatius Sauer inmitten von koreanischen Firmlingen.

Schicksalstag

Es folgt der Zweite Weltkrieg, der die Landkarte Koreas entscheidend verändern wird. Russische Truppen marschieren im August 1945 ein. Acht Monate später müssen sie wieder abziehen, und die koreanischen Kommunisten treten an ihre Stelle. Der 38. Breitengrad bildet künftig die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Die Abtei Tokwon liegt nördlich des 38. Breitengrades und somit im kommunistischen Teil des Landes. Jedes missionarische Wirken wird nun brutal unterdrückt. Die "Reformen" der Kommunisten treffen die Abtei. 1946 Bodenreform. Das Kloster verliert den größten Teil seines Grundbesitzes. Der Druck auf die Missionare wächst. Im März 1949 muss die Druckerei der Missionszentrale Tokwon schließen, deren Vorstand Pater Lucius ist. Dann der Schicksaltag für die Abtei Tokwon: In der Nacht vom 9. auf 10. Mai 1949 dringt ein Überfallkommando der kommunistischen Geheimpolizei ins Kloster ein. Abtbischof Bonifatius Sauer wird abgeführt, das Kloster wird gewaltsam beschlagnahmt. In den folgenden Tagen werden die Benediktiner vertrieben oder gefangen genommen, die Abtei wird aufgehoben. Mit seinen Mitbrüdern und Abtbischof Bonifatius wird Pater Lucius in Pyongyang inhaftiert - unter menschenunwürdigen Bedingungen. "Die Zelle für achtzehn Mann hat nur acht Quadratmeter", heißt es in dem Buch "Schicksal in Korea - Deutsche Missionare berichten". Und weiter: "Pater Prior Lucius beschwert sich bei einem nächtlichen Verhöre, dass man uns nicht wie Menschen, sondern wie Schweine eingesperrt hat, und er bietet sich an, man solle ihn als Hauptverantwortlichen der ganzen Mission erschießen und die Unschuldigen freilassen." Der Gefängnisaufenthalt wird zur Tortur. Abtbischof Bonifatius stirbt völlig entkräftet am 7. Februar 1950. Anfang Oktober 1950, als sich die nordkoreanischen Truppen im Koreakrieg zurückziehen müssen, werden die im Gefängnis verbliebenen Benediktiner von den Kommunisten erschossen. Pater Lucius wird am 3. Oktober 1950 brutal hingerichtet, wahrscheinlich nach einem vorausgegangenen Prozess. "Die Hinrichtung dürfte mit schweren Torturen verbunden gewesen sein. Nur flüsternd ist nach ein paar Jahren durchgesickert, dass es vorgekommen sei, dass nach der Hinrichtung der "Verbrecher" das, was von ihnen noch übrig war, auf einer Schaufel vom Richtplatz weggeschafft wurde", heißt es im Deutschen Martyrologium. "Asiatische Grausamkeit" lautet das Stichwort.

Sterbebild von Pater Dr. Lucius Roth.

Letzter Brief in die Heimat

Pater Lucius' letzter Brief an seine Verwandten in Weichtungen vom 9. April 1949, einen Monat vor der Zerstörung der Abtei Tokwon geschrieben, ist noch voller Hoffnung: "Hier geht es soweit, Gott sei Dank, noch ruhig weiter. In mehr als einer Beziehung dürfte es wohl besser sein. Aber man muss zufrieden sein mit dem, was Gott schickt. In vielen Sachen sind wir knapp daran; aber zum Leben reicht es noch genügend. Wir können sogar unser Seminar noch halten." Angesicht des Schicksals eines seiner Verwandten fügt er folgende Gedanken an, die Pater Lucius wohl auch selbst in den bevorstehenden Wochen und Monaten der Haft gestärkt haben dürften: "Doch das ist ein Kreuz, das Gott auferlegt. Und mit seinem heiligen Willen müssen wir uns abfinden. Freilich kann man sagen, dass die Menschen daran schuld sind. Aber da muss man an das Leiden Christi denken. Nächste Woche haben wir die Karwoche. Bei Christus kann man auch sagen, dass die Menschen die Ursache an seinem Leiden und Tod waren und doch hat er alles aus der Hand seines himmlischen Vaters angenommen. So müssen wir es auch machen ..."

Bernhard Schweßinger

Fotos: privat, Bernhard Schweßinger (1)

 
 
Gedenkblatt zum Priesterjubiläum
 
 
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